BARSCHSEITE

Weblog von Zackenbarsch (Friedhelm Schmitz)

Name:
Location: Jüchen, NRW, Germany

Sunday, October 09, 2005

Perspektiven


Nina (3) spielt in der Oktobersonne auf der Terrasse vor Opas Wohnzimmer; Mama sitzt lesend am Gartentisch. Opa selbst ist der Zutritt zur Terrasse „verboten.“ Er könnte ja Ninas Aktivitäten „stören.“

Nina malt mit Rieseneifer neue bunte Kreidebilder auf die grauen Betonplatten der Terrasse, viel schöner als die vor dem letzten Regen. Opa blättert noch mal in dem Zeitungsstapel auf seinem Wohnzimmertisch. Vielleicht kann er ja noch etwas Interessantes entdecken.

Plötzlich sieht er Nina auf dem Absatz – einer Art niedriger Außenfensterbank – vor seinem großen Wohnzimmerfenster herumturnen. Mit weit ausholenden Bewegungen verziert sie die Scheibe mit bunten Arabesken.

Opa möchte das ignorieren, aber ehe es ihm selbst bewusst wird, hat er schon hinaus gerufen:

„Was machst du denn da, Nina?“

So „schlicht“ kann nur ein „einfach strukturierter“ Opa fragen.

„Ich male, Opa“, kommt sofort von draußen die präzise Antwort – wenn man mal von dem Unterschied zwischen Malen und Zeichnen absieht.

„Warum malst du denn auf die Scheibe?“ will Opa wissen.

„Das ist schön, Opa!“

Als Opa erfahren möchte, weshalb Nina das „schön“ findet, stürzt ihn die spontane Antwort in tiefes Grübeln:

„Das ist Kunst, Opa!“

Saturday, October 01, 2005

Lieblingssportreporterin

Sonett mit Akrostichon

Manche Frauen, die das machen,
O, die find’ ich gar nicht gut.
Neben manchen andern Sachen
Ist’s ihr Stil, der schrecken tut.
Charmefrei meistens, nie, dass Sprache,
Anblick, Gestik mir gefällt.


Lest das bitte nicht als Rache,
Ist nur einfach festgestellt.
Eine aber, die ist meine
Richt’ge Reportagefee.
Hat sie doch wohl ganz alleine
Alles, was so gern ich seh’
Und genieße: das gewisse
Strahlen, das ich sonst vermisse.

Monday, September 05, 2005

Entwarnung

Nina hat zwar ein ganzes Wochenende dafür gebraucht, aber sie hat sich umentschieden.

Als sie heute um 12:15 Uhr mit Oma aus dem Kindergarten kam, hat Opa sie mit „Laura“ begrüßt. Aber davon wollte sie nichts mehr wissen. Noch erfreulicher jedoch war: Sie hatte ihr Nuscheln aufgegeben und war zu ihrer gepflegten Aussprache zurückgekehrt. Offenbar war ihr Experiment vorbei, die Nuschelei als kommunikationshinderlich erkannt.

In einem Punkt aber blieb sie unerbittlich: Als Oma sie vor die Wahl stellte, um 12 Uhr von ihr oder um 2 Uhr von Mama (die wegen ihrer Arbeit nicht eher kann) abgeholt zu werden, erklärte sie kategorisch:

„Ich möchte um 12 Uhr abgeholt werden, aber von Mama!“

Auf gar keinen Fall aber wollte sie von Opa abgeholt werden; warum, das sagte sie nicht. Aber sie sprach wenigstens wieder mit ihm und nannte ihn auch nicht mehr „alte Arschbacke“...

Zwischenbilanz nach 2 Wochen Kindergarten

Nina geht gern in den Kindergarten. Das ist sicher positiv. Aber leider zeigt sich inzwischen auch eine recht betrübliche Auswirkung. Damit meine ich nicht die Ausweitung ihres Wortschatzes im Bereich „Schimpfwörter“. Auch nicht ihre neuste Entscheidung:

„Ich nenne mich jetzt Laura.“

Das Traurige ist die Wirkung des Kindergartens auf ihre Aussprache. War ihre Sprache bisher bestimmt von einer nahezu perfekten Artikulation — vor allem auch der Flexionsendungen —, so verfällt sie nun immer stärker in ein fast unverständliches Nuscheln.

„Schlechte (eigentlich: Böse) Beispiele verderben gute Sitten“, heißt es in einem alten Sprichwort. Wie wahr! Hoffentlich fällt der „alten Arschbacke“, wie ich neuerdings gelegentlich heiße, noch beizeiten etwas Vernünftiges ein, womit sich die negative Entwicklung zurückdrehen lässt. Der Volksweisheit zum Trotz!

Saturday, September 03, 2005

Ode an die Leser

Einen Blick nur gönnt, ihr geneigten Leser,
einen kleinen, ganz bescheidenen meinen Texten,
dass mein Herz an viel Kommentaren Labsal finde,
daran genese.

Diese Parodie auf Hölderlin/Weinheber: „Einen Sommer gönnt...“ ist eine sapphische Ode.
Weinheber hatte Hölderlins alkäische Ode „An die Parzen“ zu einer sapphischen transfiguriert. Im Gegensatz zu Hölderlin/Weinheber habe ich mich bei der Parodie natürlich mit einem „nicht ganz“ so hohen Thema befasst, dafür aber auch mit nur einer Strophe begnügt (im Gegensatz zu den drei Strophen der Vorlage).

Gebrauchslyrik

Aus der Werkstatt eines Verseschmieds


Vorweg: Ich bin kein Dichter!

Als ich noch ein kleiner Junge war, wollte ich zwar mal einer werden, aber das Schicksal hat es rechtzeitig verhindert. Wie das geschah, mag die folgende Geschichte veranschaulichen.


„Expertenurteil“

„April 1946. Der Junge hat eine wunderschöne rote Tulpe gemalt. Darunter ist noch Platz, der nach Ergänzung schreit. Und die kommt spontan, fast von selbst:

„Die Tulpe mit dem lieblichen Duft
blüht draußen in Gottes freier Luft.“

Stolz zeigt er das Blatt dem Großvater, einem alten Geneickener. Ein kurzer Blick:

„Tulepe? Die ruuke doch jaa net!“ (= Tulpen? Die duften doch überhaupt nicht!)“


So „verheerende Folgen“ kann also ein unbedachtes Wort auf „zarte Kinderseelen“ haben.

Wie gesagt, ich bin zwar kein Dichter geworden, aber wenn ich einer Einladung Folge leiste und ohne „Gedicht“ ankomme, ist Enttäuschung beim Gastgeber vorprogrammiert.

Wie es dazu kam? Nun, in grauer Vorzeit habe ich einmal den folgenschweren Fehler begangen, mich mit einem kleinen Stück „Gebrauchslyrik“, also einem in gefälligem Rhythmus und mit Reimen abgefassten „Gedicht“ zu bedanken. Von da an hat im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis jeder so etwas erwartet.

Seitdem sind Hunderte solcher Gebilde entstanden. Die genaue Zahl kann ich nicht mehr herausfinden, denn in der Anfangszeit, lange vor dem Siegeszug des Computers, habe ich sie kalligraphisch gestaltet, von Hand natürlich. Eine Zeit lang habe ich zwar die jeweiligen Schmierzettel aufbewahrt, aber ein Großteil davon ist inzwischen verloren gegangen. Viele dieser alten Werke grüßen mich jedoch, schön gerahmt, von Wohnzimmer- und Bürowänden, wenn ich mal vorbeischaue.

Ein Dichter konnte ich nie werden, weil es mir ganz einfach an Phantasie fehlt. Für meine Gebrauchslyrik habe ich mir aber ganz gut mit einem Trick helfen können. Mein Trick beruht auf den antiken Stilmittel des Akrostichons.

Von einem Akrostichon spricht man, wenn die Anfangsbuchstaben aller Zeilen eines Textes von oben nach unten gelesen wiederum einen Text ergeben, einen Namen, einen Spruch oder dergleichen.
Etwas ganz Kurzes zu finden, das sich zum Akrostichon eignet, fällt auch einem phantasiearmen Wesen wie mir nicht schwer. Zur Not tut es der Name des zu Beglückenden. Dieses Kurze schreibe ich mir senkrecht auf ein Blatt, und dann brauche ich nur noch die Zeilen auszufüllen, mit passendem Versmaß und Reimen,
versteht sich. Wenn das fertige Ergebnis auch noch Sinn macht und zum Anlass passt, um so besser.
Die Schwierigkeiten einiger Bekannter, die es mir nachtun wollten, aber nicht so ganz geschafft haben, kann ich mir nur so erklären: Sie sind nicht im Training.

Mein Training hat mit Kreuzworträtseln zu tun. Nachdem ich schon als junger Mensch (war ich auch mal) alle nur erreichbaren Kreuzworträtsel ausgefüllt hatte, schreibe ich seit einigen Jahren selber welche für verschiedene Zeitungen. Und ich lese natürlich immer und immer wieder klassische Gedichte, und zwar laut. Dadurch bekommt man ein Gespür für die Sprache der Dichtung, auch wenn man selber kein Dichter ist.

Bilanz: „Gebrauchslyrik“ als Hobby macht richtig Spaß. Den Beschenkten wie dem „Dichter“. Sollte man mal versuchen.

Michael Moore an George W. Bush

Freitag, den 2. September 2005

Lieber Herr Bush,

haben Sie vielleicht eine Ahnung, wo unsere ganzen Hubschrauber sind? Mittlerweile ist es 5 Tage nach dem Hurrikan Katrina, und noch immer hängen Tausende hilflos in New Orleans herum und müssen aus der Luft gerettet werden. Wo in aller Welt könnten Sie all unsere Militärhubschrauber verlegt haben? Brauchen Sie Hilfe, um sie wieder zu finden? Ich hatte mal vergessen, wo ich meinen Wagen auf einem Parkplatz bei Sears hingestellt hatte. Mensch, war das ein Mist!

Vielleicht auch eine Ahnung, wo all unsere Nationalgardisten sind? Jetzt könnten wir sie nämlich wirklich mal gebrauchen, und zwar genau für so was wie das, wozu sie sich verpflichtet haben, nämlich zur Hilfe bei nationalen Katastrophen.

Letzten Donnerstag war ich in Südflorida und saß draußen, als mir das Auge des Hurrikans Katrina über den Kopf zog. Da war er zwar erst Kategorie 1, aber es war schon ziemlich heftig. Elf Leute starben und, wie heute, gab es noch Häuser ohne Strom. An jenem Abend sagte der Wettermensch, der Sturm sei auf dem Weg nach New Orleans. Das war am Donnerstag [der vorigen Woche]! Hat Ihnen das niemand gesagt? Ich weiß, Sie wollten Ihren Urlaub nicht unterbrechen, und ich weiß auch, Sie erhalten nicht gern schlechte Nachrichten. Zudem mussten Sie sich um Spendenbeschaffer kümmern und Mütter gefallener Soldaten ignorieren und verunglimpfen. Der haben Sie’s aber mal gezeigt!

Ganz besonders gefällt mir, wie Sie am Tag nach dem Hurrikan, statt nach Louisiana zu fliegen, nach San Diego geflogen sind zu einer Party mit Ihren Geschäftspfeifen. Lassen Sie sich nur von niemandem deswegen kritisieren – schließlich war der Hurrikan vorbei, und was zum Teufel hätten Sie tun können, etwa den Finger in den Deich stecken?

Und hören Sie einfach nicht auf diejenigen, die demnächst enthüllen werden, wie Sie ganz besonders den Pioniertruppen-Etat für New Orleans diesen Sommer das dritte Jahr nacheinander gekürzt haben. Sagen Sie ihnen doch einfach, selbst wenn Sie das Geld nicht gestrichen hätten, um diese Deiche zu reparieren, dann wären ja trotzdem keine Pioniere da gewesen, um sie auszubessern, weil Sie ja einen viel wichtigeren Bauauftrag für sie hatten – AUFBAU DER DEMOKRATIE IM IRAK!

Am Tag 3, als Sie endlich Ihr Urlaubsdomizil verließen, ich muss schon sagen, da war ich tief bewegt durch die Art, wie Sie Ihren Air Force One Piloten aus den Wolken in den Sinkflug übergehen ließen, als Sie über New Orleans flogen, so dass Sie einen schnellen Blick auf das Unglück erhaschen konnten. He, ich weiß schon, dass Sie nicht anhalten, sich ein Megaphon schnappen, sich auf einen Müllhaufen stellen und wie ein Oberbefehlshaber handeln konnten. Da gewesen, selbstverständlich getan.

Nun wird es die geben, die versuchen werden, diese Tragödie politisch auszuschlachten und gegen Sie zu verwenden. Sorgen Sie nur dafür, dass Ihre Leute ständig darauf hinweisen. Reagieren Sie auf nichts. Auch nicht auf die nervtötenden Wissenschaftler, die vorhersagten, das würde passieren, weil das Wasser im Golf von Mexiko immer heißer wird und damit einen Sturm wie diesen unausweichlich macht. Ignorieren Sie sie mitsamt all ihren kleinen „Globalerwärmungsküken“. Es ist doch überhaupt nichts Ungewöhnliches an einem Hurrikan, der so groß war, als hätte man einen F-4 Tornado, der sich von New York bis Cleveland erstreckt.

Nein, Herr Bush, machen Sie nur ruhig so weiter wie bisher. Es ist nicht Ihre Schuld, dass 30 % der Einwohner von New Orleans in Armut leben und Zehntausende keine Transportmittel hatten, um aus der Stadt zu kommen. Mann, sind doch Schwarze! Ich meine, ist doch nicht so, als wäre das in Kennebunkport passiert. Können Sie sich vorstellen, Weiße fünf Tage auf ihren Dächern zu lassen? Bringen Sie mich nicht zum Lachen! Rasse hat nichts – NICHTS – damit zu tun!

Bleiben Sie am Ball, Herr Bush. Versuchen Sie doch nur, ein paar von unseren Armeehubschraubern zu finden, und schicken Sie sie hin. Tun Sie doch einfach so, als wären die Leute von New Orleans und der Golfküste in der Nähe von Tikrit.

Freundliche Grüße
Michael Moore

P.S. Diese lästige Mutter, Cindy Sheehan, ist nicht mehr in der Nähe Ihrer Ranch. Sie und Dutzende andere Angehörige von Irakkrieg-Gefallenen fahren nun durchs Land, mit Zwischenstopps in vielen Städten am Weg. Vielleicht können Sie sie noch einholen, ehe sie am 21. September nach Washington, D.C. kommen.

(Anmerkung: Den Brief habe ich von Michael Moore erhalten und gleich übersetzt.)